Titel 9/2021

Grenzenlose Hilfsbereitschaft

Menschen sind gestorben oder haben ihr komplettes Hab und Gut verloren: Mitte Juli hat die Flutkatastrophe in weiten Teilen Nordrhein-Westfalens und Rheinland-Pfalz gewütet und für chaotische Zustände sowie Millionenschäden gesorgt. Doch während die einen lange reden, haben die anderen die Ärmel hochgekrempelt und einfach gemacht! Ob die Bereitstellung des Betriebshofs für Sammelaktionen, das Spenden von Umzugskartons zum Verpacken der Hilfsgüter oder das Stellen von Lkw, um die Sachspenden in die Krisenregionen zu verbringen: einmal mehr haben die Möbelspediteure gezeigt, dass in der Krise auf sie Verlass ist.

„Das ist mehr als überwältigend! Danke an alle, die dazu beigetragen haben. Sage und schreibe zehn Lkw mit allen vorstellbaren gespendeten Hilfsgütern sind am Abend nach Euskirchen aufgebrochen“, schreibt Anton Röhr Logistic Group auf seiner Facebook-Seite. Illustriert wird der emotionale Post mit beindruckenden Bildern: Umzugskisten in sämtlichen Größen, Corletten voll mit Hygieneartikeln, Aufbewahrungsboxen, Plastikkörbe, gespendete Hilfsgüter so weit das Auge reicht. Wenig später folgt ein Video, das den Hilfskonvoi bei der Abreise filmt – ein absoluter Gänsehaut-Moment!

„Mastholte hilft“ hatte im Internet zu einer Spendenaktion für die Betroffenen der Hochwasserkatastrophe aufgerufen. In Kooperation mit Röhr wurden alle gesammelten Spenden noch am Abend mit Sattelzügen in die Krisenregionen verbracht. Über das Rote Kreuz Gütersloh habe man einen Kontakt zu einer Station in Euskirchen herstellen können. Um die Hilfsgüter zu entladen sei dem Konvoi mit neun beladenen Lkw zusätzlich ein Bus mit den Helferinnen und Helfern nachgefahren.

Bis zu einer eineinhalb Stunden und länger mussten sich Spendenwillige aufgrund der langen Warteschlange in ihren Autos gedulden, bis sie ihre Kofferraumladungen auf dem Gelände der Möbelspedition an der Gewerbestraße abgeben konnten: darunter Kleidung, Kinderspielzeug, Schaufeln, Besen und was die in Not geraten Menschen ansonsten benötigen. „Die Warteschlangen waren teilweise zwischen fünf bis sieben Kilometer lang“, erzählt Johannes „Hansi“ Röhr. Die Strecke habe er selbst mit dem Fahrrad abgefahren und dabei Fotos und Videos der Kolonnen gemacht. „Einfach unbeschreiblich!“ Die Polizei habe schließlich mit Straßensperrungen diesen massiven Ansturm aufgelöst.

Pizza und Getränke für die Helfer

Nachdem man anfangs noch von etwa 20 Helferinnen und Helfern ausgegangen war, die man u.a. für das Sortieren und Packen der abgegebenen Sachspenden mobilisieren müsse, tummeln sich im Gewusel auf dem Betriebshof am Ende rund 100 Menschen, die sich aufgrund der massiven Spendenbereitschaft darum kümmern mussten.

Die Unterstützung für Röhr eine Selbstverständlichkeit. „Wenn man diese Bilder der Katastrophengebiete gesehen hat, muss man einfach etwas tun“, so Röhr. Es sei sehr interessant gewesen zu sehen, wie blitzschnell sich solche spontanen und privaten Hilfen entwickelten. „So unschön diese Katastrophe war, so schön war doch zu sehen, wie groß die Hilfsbereitschaft der Menschen gewesen ist“, sagt Röhr. Ohne das besonders dazu aufgerufen oder nachgefragt werden musste hätten sich kurzentschlossern der örtliche Pizzabäcker und der Getränkehändler um die Versorgung der Helfenden vor Ort gekümmert.

Werbung? Nein Danke!

Ein Dankeschön sei für Röhr nicht notwendig. Gleiches gilt für seine Kolleginnen und Kollegen, mit denen wir für diesen Artikel gesprochen haben. Es hat sich einmal mehr bestätigt, wie es häufig in solchen Momenten ist: Da sind solche, die wenig tun, aber sich damit brüsten. Und dann sind dort diejenigen, die solidarisch für andere in der Not schuften und buckeln, und damit – anständig wie sie sind – nicht hausieren gehen.

„Das ist keine PR. Das soll es auch nie sein!“– Janet Kolbenschlag bringt es im Gespräch mit der AMÖ auf den Punkt. So, wie sie es deutlich auch gegenüber der Reporterin ausgedrückt hatte, die vor Ort in Mainz über die Hilfsaktion für die Opfer der Flutkatastrophe in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz berichten wollte. „Die schnelle Hilfe für die Betroffenen im Katastrophengebiet – darum geht es!“ Hilfe, die zwingend erforderlich war. Die Bilder sind uns allen bekannt. Bilder, die bei Kolbenschlags Mitarbeitern Spuren hinterlassen haben. „Was unsere Leute aus den betroffenen Gebieten berichtet haben, war schon heftig“, sagt sie. Sie selbst habe das Ausmaß nur auf Fotos gesehen, die ihre Mitarbeiter gemacht haben, und selbstverständlich solche aus den Medien.

Die Geschäftsführerin der Stark Umzüge GmbH aus Mainz hatte keine Sekunde gezögert, als der Verein „Mombach hilft“ mit der Anfrage nach einem Lkw für die Sachspenden kontaktierte. Die Zusage kam prompt. Und auch die Organisation nahm Kolbenschlag in ihre Hände. Bei nur einem Lkw sei es nicht geblieben, so viel sei schnell klar gewesen. Die Lager in der Grundschule „Am Lemmchen“ und der Ortsverwaltung in Mainz-Mombach seien aufgrund der hohen Spendenbereitschaft der Menschen in Nullkommanix proppenvoll gewesen. Auch der 1. FSV Mainz 05 hatte sich schließlich der Aktion angeschlossen und Teile der Arena für Gesammeltes geöffnet. „Das wurde ein Riesending“, so Kolbenschlag. „Die Logistik war gefragt. Wir haben übernommen.“

Insgesamt 15 Ladeeinheiten seien zusammenkommen, wovon sieben Lkw nach Ahrweiler gefahren wurden und die restlichen nach Bitburg. Auf einem Bauernhof seien die nicht verderblichen Güter zwischengelagert worden. Bei den Kollegen der Frey & Klein Internationalen Spedition GmbH sei ein weiterer Hängerzug untergebracht worden, bis nach und nach sämtliche Hilfsgüter verteilt werden konnten.

Insgesamt mehr als 50 Menschen sortierten, packten und wuselten ein Wochenende lang. In solchen Situationen sind Koordination, Struktur und Ordnung gefragt. Stark unterstützte mit all der Erfahrung einer traditionsreichen Möbelspedition, Personalpower und dem geballten Unternehmens-Netzwerk, um weitere Lkw und helfende Hände zu mobilisieren. Und gab zudem – wenn auch nicht sein letztes Hemd –, dafür aber seine letzten Umzugskartons: 300 Stück habe man noch zur Verfügung stellen können, dann sei auch der restliche Vorrat aufgebraucht gewesen, berichtet Kolbenschlag. Mutig in Zeiten von Rohstoffknappheit, insbesondere auf dem Verpackungsmittelmarkt. Auf Nachschub habe Stark zum Glück nicht lange warten lassen.

Was nach diesem Kraftakt bleibt: „Die Hochachtung vor allen, die so tatkräftig angepackt haben. Zu beobachten, wie die Menschen in einer solchen Krise zusammenhalten, und selbst Teil davon gewesen zu sein, ist unbeschreiblich überwältigend.“

Die Rolle der sozialen Medien

Wie wichtig die sozialen Medien in Krisenzeiten sind, weiß Oliver Düpper von der Johann Achnitz GmbH in Siegburg. Freitags, direkt frühmorgens, habe ihn Jamilah Lehnen kontaktiert, die Schwiegertochter des benachbarten Weinhändlers, seinerseits selbst Achnitz-Kunde. Sie plane eine Hilfsaktion für die Hochwassergeschädigten im Ahrtal und in der Eifel und fragte nach Unterstützung. „Da musste sie uns nicht lange bitten“, sagt Düpper, weshalb Achnitz auch bereitwillig den Betriebshof für die Aktion zur Verfügung stellte. „Dank der sozialen Medien und der Unterstützung der Stadt Siegburg konnte der Spendenaufruf schnell verbreitet und bereits Freitagnachmittag mit dem Sammeln begonnen werden. Innerhalb einer Stunde war der erste 20-Fuß-Container randvoll mit Hilfsgütern aller Art beladen.“  Noch am Abend konnten die ersten Güter in die Krisenregion verbracht werden.

Samstags dann seien die Zustände teilweise chaotisch gewesen, aber im positiven Sinn: „Die Hilfsbereitschaft der Menschen sprengte die Grenzen des Möglichen und Machbaren“, so Düpper. „Innerhalb von 30 Minuten stand nicht nur der gesamte Betriebshof, sondern die komplette Zeithstraße voll mit Menschen und Fahrzeugen, die unterstützen und spenden wollten.“ Die einzige Möglichkeit zu diesem Zeitpunkt sei ein Annahmestopp und die Auflösung der Verkehrssituation gewesen, da zudem die Sorge bestand, dass die angrenzende Feuerwache im Falle eines Falles an ihrer Arbeit gehindert werden könnte. Lob gibt’s von Düpper für das Ordnungsamt der Stadt Siegburg, „das schnell zur Stelle war und geholfen hatte, die Situation aufzulösen“.

„Wir arbeiten zielgerichtet!“

Eher keine gute Erfahrung mit dem Annahmestopp haben sie in Viersen bei Umzüge-Spedition Hirsch machen müssen, wie Dustin Hirsch berichtet. Die Sammelaktion am Sonntag habe sich schnell zu einem Selbstläufer entwickelt, so dass zwei 25-Tonner voll mit Nahrungsmitteln und Hilfsgütern des täglichen Bedarfs in die Krisengebiete geschickt werden konnten. Dieser Selbstläufer habe sich allerdings derart entwickelt, dass man irgendwann keine Spenden mehr annehmen konnte. „Die Leute wollten trotzdem ihre Kleidung und Sachspenden abgeben. Hier sah es teilweise aus wie auf der Altkleidersammlung“, so Geschäftsführer Hirsch. Man habe sich schließlich entschieden nur noch das entgegenzunehmen, was wirklich wichtig und nötig ist. Daraufhin habe man „böse Anrufe“ erhalten mit Unverständnis darüber, dass man eine sinnvolle Spendenaktion grundlos stoppe. „Manche Leute haben schlichtweg nicht verstanden, dass wir nichts gestoppt haben, sondern lediglich zielgerichtet arbeiten wollten“, stellt Hirsch fest. Er selbst sei tief bewegt von der Hilfeleistung gerade auch seiner Mitarbeiter. „Und stolz bin ich auch!“

Betriebshof stand unter Wasser

Doch wo viel Licht ist, ist leider auch Schatten. Und so blieben von der Flutkatastrophe auch Mitgliedsunternehmen der AMÖ nicht verschont. Etwa der AMÖ-Betrieb Meyer Umzüge und Transporte aus Hückelhoven im Gewerbegebiet Brachelen mit seinem Außenlager in Linnich.

„So schnell wie das Wasser kam, war es auch schon wieder weg“, berichtet Maik Meyer. „Naja, fast!“ Nachdem die Ruhr übergelaufen war, blieb trotz der leicht erhöhten Lage auch das Industriegebiet nicht von den Wassermassen verschont geblieben. Rund zehn Feuerwehrleute mit mehreren Fahrzeugen rückten an, um das Betriebsgelände halbwegs frei zu pumpen. Rund einen Meter hoch habe das Wasser laut Meyer gestanden und Wechselbrücken und Seecontainer umschlossen. Sieben Stunden habe der Feuerwehreinsatz gedauert. Über mehrere Tage habe man dann „den Rest“ mit eigenen Geräten abgeleitet.

„Wir machen das gesamte Wochenende über von der Außenwelt abgeschnitten“, berichtet Meyer. „Ohne Strom, ohne Telefon, ohne Internet.“ Insgesamt sei man aber mit einem blauen Auge davongekommen. Der Pkw eines Mitarbeiters sei Schrott. Auch Verpackungsmaterial im Lager sei zerstört worden. Der Schaden sei zwar noch nicht zu beziffern, diesen aber, sagt Meyer zuversichtlich, könne man ersetzen. Eigentum von Umzugs- oder Lagerkunden sei nicht betroffen gewesen.

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