Editorial 11/2021

Attraktivität und Wettbewerb

Bei Claudia Rinke in Hannover fing alles an. Sie war die erste Unternehmerin, die mich nach meinem Amtsantritt bei der AMÖ kontaktierte. Mittlerweile bin ich mittendrin, habe unzählige Gespräche geführt und tausende Kilometer zurückgelegt.

Vier Themen kommen bei meinen Gesprächen immer wieder zur Sprache: Digitalisierung, Fachkräftewettbewerb, Dekarbonisierung des Verkehrs und – ich nenne es – Leistungsbewusstsein. Mit Leistungsbewusstsein meine ich, ob unseren Kunden bewusst ist, welche Leistungen Sie und Ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für sie erbringen. Voraussetzung dafür ist natürlich, dass Ihnen selbst bewusst ist, welche Leistung Ihr Unternehmen erbringt und ob Sie dies Ihren Kunden auch vermitteln können. Klar dürfte sein, dass es einen Zusammenhang zwischen Leistungsbewusstsein und dem am Markt erzielbarem Preis gibt.

Ausführlicher möchte ich an dieser Stelle auf das Thema „Fachkräftemangel“ eingehen. Ich denke die Fakten sind uns allen bekannt, insbesondere in Bezug auf Berufskraftfahrer. Der Satz, dass jedes Jahr weit mehr Fahrer in Rente gehen als neue ausgebildet werden, bringt die Situation auf den Punkt. Wo genau liegt nun die Ursache dieses „Fahrermangels“ oder – weiter gefasst – des „Fachkräftemangels“? Sie liegt – ganz einfach – im Wettbewerb um Fachkräfte.

Wettbewerb gehört zu den konstituierenden Elementen unseres marktwirtschaftlichen Systems. Kennzeichnend für Wettbewerb ist, dass verschiedene Akteure um dasselbe Ziel oder dieselben Ressourcen ringen. Dafür erbringen sie Gegenleistungen. In Bezug auf Fachkräfte ist es wichtig zu verstehen, dass es einen Wettbewerb um Fachkräfte gibt – und das nicht erst seit heute! Aus diesem Wettbewerb und der Tatsache, dass konkurrierende Branchen attraktivere Gegenleistungen erbringen oder auch nur attraktiver er- scheinen, resultiert der häufig beschriebene Mangel.

Was ist zu tun? Manch einer fordert nun staatliche Eingriffe. Doch sind wir davon überzeugt, dass sich die Situation allein durch staatliche Eingriffe zu unseren Gunsten verändern lässt? Oder müssen wir selbst etwas tun?

Die Frage, die mich umtreibt, ist, ob wir als Branche attraktiv genug für Menschen sind. Insbesondere die jungen. Für die Attraktivität einer Branche für junge Menschen sind viele Faktoren ausschlaggebend. Natürlich spielt Geld eine Rolle, aber es sind auch Faktoren wie Wertschätzung, Weiterentwicklungsmöglichkeiten, Betriebsklima, Führungsqualität oder Arbeitszeitmodelle.

Aus meiner Sicht sehr aussagekräftig war eine Umfrage unter den Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Wiehler Forums, das am 12. und 13. Oktober bei BPW im oberbergischen Wiehl stattfand. Anwesend waren knapp 100 Vertreterinnen und Vertreter der Transportbranche. Die Zahl derjenigen, die ihren Kindern empfehlen würde, Berufskraftfahrer zu werden, lag im einstelligen Bereich. Ich denke, genau dort liegt die Wurzel des Problems. Wenn wir selbst unseren eigenen Kindern nicht empfehlen würden, Berufskraftfahrer zu werden, warum sollte dann irgend jemand anderes Berufskraftfahrer werden wollen?

Was ist notwendig, dass wir unseren Kindern wieder empfehlen, Berufskraftfahrer zu werden? Darüber lohnt es sich nachzudenken. Aus meiner Sicht gibt es kein Patentrezept, nicht die eine Lösung. Vielmehr bedarf es vieler Anstrengungen und Veränderungen, um den Beruf wieder attraktiv zu machen. Und ich glaube daran, dass wir als Branche sowie als einzelnes Unternehmen auch heute noch für junge Menschen attraktiv sein können.

Nicht nur über Themen wie diese, auch über Veränderungen in Brüssel, Berlin und Hattersheim möchte ich regelmäßig in meiner neuen Kolumne in der MöbelLogistik berichten. Es geht mir darum, Ihnen Impulse und Denkanstöße zu geben, um so eine breite Diskussion in der Branche und einen schonungslosen Austausch über Themen, die uns bewegen, einzuleiten. Dass es viel zu tun gibt, ist uns sicher allen bewusst.

Ich freue mich über Ihre Ideen, Reaktionen und Anmerkungen! Schreiben Sie mir gerne, was Sie denken.

Ihr
Andreas Eichinger

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