Gewerbe & Verband 7+8/2020

Blindflug berechnen

s= v × t: Mit dieser einfachen Formel können Sie die Blindfluglänge berechnen, wenn Sie während der Autofahrt zum Smartphone greifen - Sekunden zwischen Leben und Tod.

Es ist doch nur ein kurzer Griff – na und wen schon: Die Handynutzung beim Autofahren kann zu einem meterlangen Blindflug führen. Damit riskieren Verkehrsteilnehmer schon durch einen kurzen Blick aufs Smartphone einen Crash mit gesundheitlichen Folgen oder gar ihr Leben. Mit der Formel zum Weg-Zeit-Gesetz lässt sich die Blindfluglänge berechnen: Strecke ist gleich Zeit mal Geschwindigkeit. Darauf hat die Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie (DGOU) anlässlich des Tags der Verkehrssicherheit am 20. Juni 2020 aufmerksam gemacht. „Wir raten dringend, beim Autofahren das Handy beiseite zu legen. Denn viele Unfallverletzungen, die wir in der Notaufnahme sehen, sind durch sekundenlange Ablenkung des Fahrers entstanden“, sagt Prof. Dr. Michael J. Raschke, stellvertretender DGOU-Präsident und Direktor der Klinik für Unfall-, Hand- und Wiederherstellungschirurgie am Universitätsklinikum Münster.

Je höher die Geschwindigkeit, desto höher ist das Unfallrisiko. Das liegt an der erhöhten Bewegungsenergie beim Aufprall und der verkürzten Reaktionszeit. Bei einer Geschwindigkeit von 50 km/h im Stadtverkehr führt schon das dreisekündige Checken einer SMS zu etwa 42 Metern Fahrt ohne Wahrnehmung des Verkehrsgeschehens – dem sogenannten Blindflug. Auf der Autobahn bei 120 km/h entsteht ein 100 Meter langer Blindflug. Das bedeutet nicht nur keine Wahrnehmung des Straßenverkehrs, sondern auch die völlig aufgehobene Kommunikation mit anderen Verkehrsteilnehmern. In dieser Zeit kann weder auf andere Fahrzeuge reagiert werden noch auf Fußgänger oder Hindernisse auf der Fahrbahn. Dies gilt für die Ablenkung sowohl hinter dem Steuer als auch auf dem Fahrrad, dem E-Scooter oder als Fußgänger – der Blick aufs Handy kann entscheidende Sekunden kosten, die später über Leben oder Tod entscheiden.

Sekunden zwischen Leben und Tod

Auch Ablenkung des Fahrzeugführers durch Mitfahrende ist ein generelles Thema der Unfallprävention. Entscheidend ist, dass der Fahrzeugführer an seiner Verantwortung, sich im Straßenverkehr aufmerksam zu bewegen, nicht gehindert wird. „Besonders jungen Menschen fehlt es anfangs an Routine beim Fahren. Es ist wichtig, dass sie sich jederzeit ihrer Verantwortung als Fahrzeugführer bewusst sind. Denn im Straßenverkehr gefährdet man bei einer gefährlichen Situation nicht nur sich selbst, sondern bringt auch andere Menschen in Gefahr“, sagt Dr. Christopher Spering, Leiter der DGOU-Sektion Prävention und Oberarzt an der Klinik für Unfallchirurgie, Orthopädie und Plastische Chirurgie an der Universitätsmedizin Göttingen (UMG). „Auch wenn sich der Fahrzeugführer beim Anfahren eines Fußgängers selbst kaum verletzt, kann doch der seelische Schaden bei einem jungen Fahrer fatale Folgen haben, wenn er jemand anderen schwer verletzt oder gar getötet hat.“

Laut Statistischem Bundesamt haben 18- bis 24-jährige Verkehrsteilnehmer immer noch das mit Abstand höchste Unfallrisiko im Straßenverkehr. Im Jahr 2018 verunglückten in Deutschland insgesamt 60.976 junge Männer und Frauen dieser Altersgruppe im Straßenverkehr, 369 junge Erwachsene wurden getötet. Damit waren 15,3 Prozent aller Verletzten und 11,3 Prozent aller Getöteten im Straßenverkehr im Alter von 18 bis 24 Jahren, obwohl nur jeder 13. der Gesamtbevölkerung (7,6 Prozent) dazu zählte. Langfristig ist allerdings ein deutlicher Abwärtstrend zu beobachten: Seit 1991 ist die Zahl der verunglückten 18- bis 24-Jährigen um mehr als die Hälfte von 134.764 auf 60.976 Personen in 2018 zurückgegangen.

Text: DGOU

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