Management 6/2020

DIHK: Ausbildung sichern

Viele der mehr als 400.000 Ausbildungsbetriebe hierzulande befinden sich wegen der Co­rona-Pandemie in einer überaus schwierigen Lage. Dennoch müsse alles getan werden, um die Ausbildung dringend benötigter Fachkräfte sicherzustellen, mahnt der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) – und unterbreitet konkrete Vorschläge.

Kurzarbeit und Umsatzausfälle in der Corona-Krise treffen besonders Hotels und Gastronomie, Tourismus und große Teile von Einzelhandel und Industrie. Vor dem Hintergrund fehlender Einnahmen und geschlossener Berufsschulen werde es „von Tag zu Tag schwieriger, Ausbildung aufrechtzuerhal­ten und Ausbildungsplätze für das kommende Ausbildungsjahr anzubieten“ warnt der stellvertretende DIHK-Hauptgeschäfts­führer Achim Dercks.

Dabei wäre das dringend nötig. Denn nachdem die Krise über­wunden ist, sind nicht nur die Betriebe mehr denn je auf quali­fizierte Fachkräfte angewiesen, auch Schulabgänger und Azubis brauchen verlässliche Perspektiven. Damit das gelingt, haben DIHK und die IHKn Vorschläge für einen 10-Punkte-Plan er­arbeitet. Dabei ganz besonders wichtig: die Kündigung von Aus­bildungsverhältnissen zu vermeiden.

50.000 Ausbildungsplätze in der Lehrstellenbörse

Die Industrie- und Handelskammern setzen gemeinsam mit den Unternehmen alles daran, dass sämtliche Azubis ihre Aus­bildung beenden könnten, versichert Dercks: „So werden wir über die gemeinsame Lehrstellenbörse der IHKn helfen, Azubis aus insolventen Unternehmen in andere Betriebe zu vermitteln.“

In der Börse sind trotz der großen Unsicherheiten aktuell rund 50.000 Ausbildungsplätze gelistet. „Kurzfristig würde es den Ausbildungsbetrieben jetzt konkret helfen, wenn sie Kurzarbei­tergeld für Azubis ohne Einschränkungen wie für Beschäftigte beantragen könnten“, so Dercks.

„Die weitere Entwicklung der Angebote hängt ganz wesentlich von der Entwicklung der Pandemie und der wirtschaftlichen Situation in der zweiten Jahreshälfte ab“, betonte der stellver­tretende DIHK-Hauptgeschäftsführer. „Wie diese zu Beginn des Ausbildungsjahrs aussehen werden, lässt sich derzeit für viele Branchen noch nicht sagen.“

IHK hilft mit digitalen Formaten bei Beratung

Wichtiger denn je wird aus Sicht von Dercks in diesem Sommer eine gezielte Ausbildungsberatung und -vermittlung durch die Arbeitsagenturen. „Diese wollen die IHKn durch digitale For­mate wie etwa Speed-Datings per Skype unterstützen.“

Die Zahlung eines Ausbildungsbonus für Betriebe, die zu­sätzliche Ausbildungsplätze schaffen, könne ein zusätzlicher Baustein sein. Dercks: „Die Partner in der Allianz für Aus- und Weiterbildung werden diese und weitere Vorschläge in den kom­menden Wochen beraten und gemeinsam weiterentwickeln.“

Das ist der 10-Punkte-Plan:

1. Alle Mittel in Betrieben ausschöpfen

Höchste Priorität muss es haben, Beendigungen von Ausbil­dungsverhältnissen durch Kündigung zu vermeiden. Betriebe sollten alle Mittel ausschöpfen, um Ausbildung weiter zu ge­währleisten. Bei mangelnder Auslastung sollten sie Lerninhalte vorziehen und den Ausbildungsplan umstellen. Azubis können in andere Abteilungen oder in die Lehrwerkstatt versetzt werden.

Für einen beschränkten Zeitraum kann mobiles Arbeiten im Ho­meoffice sinnvoll sein. Unternehmen können mit ihren Azubis auch Ausbildung in Teilzeit vereinbaren und die regelmäßige Ar­beitszeit um bis zu 50 Prozent reduzieren. Betriebe, die Teile der Ausbildung nicht mehr erbringen können, sollten diese an einen Verbundbetrieb oder überbetriebliche Einrichtungen übertragen.

So können Supermärkte Azubis aus kleineren Einzelhandels­geschäften zeitweise beschäftigen. Azubis müssen aber auch im Gastbetrieb der Ausbildungsordnung entsprechend weiter lernen. Eine gute Betreuung und fachliche Anleitung durch die aufnehmenden Betriebe müssen sichergestellt werden.

2. Virtuelle Lernangebote nutzen und ausbauen

Für manche Azubis können digitale Angebote eine Zwischen­lösung sein, um ihre Ausbildung fortzusetzen. Vor allem in den kaufmännischen Berufen gibt es ein hohes Maß an digitalen Tä­tigkeiten, die mit den modernen Kommunikationsmitteln von zu Hause aus erledigt werden können. Zudem existieren mitt­lerweile eine ganze Reihe von digitalen Lernangeboten für Azu­bis. Darunter befinden sich Apps, die bei der Vorbereitung auf Prüfungen helfen. Die Berufsschulen sind gefordert, auf digi­talen Unterricht umzustellen und die theoretische Wissensver­mittlung fortzuführen. Der Bund sollte Zuschüsse für digitales Lernen und die nötige technische Ausstattung nicht nur an be­dürftige Schüler, sondern auch an Azubis zahlen.

3. Insolvenz-Azubis vermitteln / „Übernahmeprämie“

Die IHKn werden die Bundesagentur für Arbeit dabei unterstüt­zen, Azubis aus insolventen Unternehmen in Betriebe zu ver­mitteln, in denen sie ihre Ausbildung fortsetzen und beenden können. Dazu wird die gemeinsame Lehrstellenbörse der IHKn als Plattform genutzt. Der Bund sollte Betriebe, die Auszubil­dende oder dual Studierende aus Insolvenzbetrieben überneh­men, mit einer Übernahmeprämie unterstützen.

4. Kurzarbeitergeld für Azubis einführen

Die bislang vorgesehene sechswöchige Wartefrist, bevor ein Be­trieb Kurzarbeit für Auszubildende beantragen kann, darf nicht zur Auflösung von bestehenden Ausbildungsverhältnissen füh­ren. Deshalb muss auch für Azubis in Unternehmen, in denen Kurzarbeit geleistet wird, vom ersten Tag an Kurzarbeitergeld gezahlt werden –rückwirkend ab dem 1. März.

Der Bund ist hier in der Verantwortung, durch eine Änderung des Berufsbildungsgesetzes eine bundesweit verlässliche Re­gelung zu finden und einen föderalen Flickenteppich zu ver­hindern. Bund und Länder sollten außerdem nach Lösungen für temporäre Zuschüsse suchen, damit existenzgefährdete Betriebe ihren Azubis möglichst eine hundertprozentige Aus­bildungsvergütung zahlen können.

5. Ausbildungsprüfungen nachholen

Die IHK-Organisation arbeitet mit Hochdruck daran, alle Prü­fungen, die Corona-bedingt nicht stattfinden konnten, so bald wie möglich und bundeseinheitlich nachzuholen. Damit das ge­lingen kann, müssen nicht nur Hygiene- und Schutzvorschrif­ten erfüllt, Prüferinnen und Prüfer motiviert, sondern auch eine solide Prüfungsvorbereitung ermöglicht werden. Es ist uner­lässlich, dass die Berufsschulen – zumindest in den Abschluss­klassen – sowie weitere Verbundpartner in der Ausbildungsvor­bereitung so bald wie möglich ihren Betrieb wieder aufnehmen.

6. Gezielt beraten und vermitteln

Angebote für das neue Ausbildungsjahr hängen wesentlich von der Entwicklung der Corona-Pandemie und den Auswirkungen auf die Wirtschaft ab. Zur Situation am Ende dieses Sommers lässt sich daher noch keine Prognose treffen. Je länger die Pan­demie andauert und je schwerwiegender die wirtschaftlichen Folgen, umso mehr Unternehmen könnten den Abschluss neuer Ausbildungsverträge verschieben.

Gleichwohl sollten die Berufsberater der Arbeitsagenturen – mit Unterstützung der Industrie- und Handelskammern – be­reits jetzt Schulabgänger so gezielt wie möglich beraten und ver­mitteln. Dabei sollten sie darauf hinweisen, dass auch im Sommer und Frühherbst eine Ausbildung begonnen werden kann.

Nachvermittlungsaktionen kommt hierbei eine besondere Bedeutung bei. Neben den Interessen und Potenzialen der Be­werber müssen in diesem Jahr das Angebot der Betriebe und der Bedarf an bestimmten Fachkräften besonders berücksichtigt werden. Bei zu erwartenden Engpässen in bestimmten Bran­chen und Berufen sollte besonderes Augenmerk auf die Vermitt­lung in gesellschaftlich relevante Bereiche wie Gesundheit und Pflege gelegt werden. Denn hier ist der Mangel an Fachkräften auf absehbare Zeit besonders groß.

Die Arbeitsagenturen sollten noch während der Kontaktsper­ren Schüler auf digitale Informationsangebote aufmerksam machen und individuelle telefonische oder digitale Beratungen durchführen. Speed-Datings der IHKn werden über Skype oder andere digitale Formate durchgeführt.

7. Zusätzliche Ausbildungsplätze durch Bonus fördern

Betriebe sollten sorgfältig prüfen, inwieweit sie ihre Ausbil­dungsbereitschaft aufrechterhalten können, um in den nächsten Jahren einen Einbruch beim Fachkräftenachwuchs zu vermeiden.

Der Bund sollte bei anhaltend angespannter wirtschaftlicher Lage Ausbildungsbetrieben, die für das kommende Jahr zusätz­liche Ausbildungsplätze anbieten, einen finanziellen Bonus ge­währen.

8. Betriebliche Einstiegsqualifizierungen verstärkt nutzen

Falls durch die Auswirkungen des Shutdown im Herbst nicht ge­nügend betriebliche Ausbildungsplätze zur Verfügung stehen, sollten Bewerber ersatzweise in Einstiegsqualifizierungen ver­mittelt werden. Denn diese bedeuten für Ausbildungsbetriebe in Not eine überschaubare finanzielle Belastung. So bald wie mög­lich sollte dann der Übergang in Ausbildung und eine zeitliche Anrechnung auf das erste Ausbildungsjahr geprüft werden.

9. Vorübergehend außerbetriebliche Ausbildung ermöglichen

In Regionen mit besonders angespanntem Ausbildungsmarkt sollten die Partner vor Ort darüber entscheiden, bedarfsgerecht und vorübergehend außerbetriebliche Ausbildung zu ermög­lichen. So könnten Azubis während der Pandemie zunächst in einer außerbetrieblichen Einrichtung lernen. Nach wirtschaft­licher Erholung könnten sie dann in das zweite Ausbildungsjahr in einen Ausbildungsbetrieb vermittelt werden.

10. Alternativen im gemeinnützigen Bereich ausbauen

Für Jugendliche, die ihre favorisierte Berufsausbildung im kom­menden Ausbildungsjahr nicht aufnehmen können oder sich be­ruflich orientieren wollen, sollten zeitlich begrenzt Angebote im gemeinnützigen Bereichen ausgebaut werden. DIHK

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