Titel 12/2021

Eichinger sieht sich bestätigt

Andreas Eichinger (44) ist seit 1. November 2021 Hauptgeschäftsführer der AMÖ. In den vergangenen Monaten hat er auf seiner „Deutschlandtournee“ viele Unternehmerinnen und Unternehmer persönlich in ihren Betrieben besucht, Gespräche mit den Geschäftsführerinnen und Geschäftsführern der Landesverbände der AMÖ geführt sowie weitere für den Bundesverband wichtige Bezugspersonen und Akteure kennengelernt. Im Interview spricht er über seine Erfahrungen in diesen Gesprächen, berichtet über seine berufliche Laufbahn und gibt Einblicke, wie er sich eine schlagkräftige AMÖ vorstellt.

 

Herr Eichinger, seit dem 1. November 2021 sind Sie Hauptgeschäftsführer der AMÖ. Wie viel Zufall ist dabei, dass Sie in der Straßenverkehrsbranche gelandet sind?
Ich schätze keiner, denn schon während meines Studiums der Wirtschaftswissenschaften habe ich mich auf die  Themen „Verkehrswesen“ und „Internationales Management“ spezialisiert. Beide Spezialisierungen prägen seither meine berufliche Laufbahn. Noch als Student begann ich in der verkehrlichen Rahmenplanung des Verkehrsverbundes Bremen/Niedersachsen (VBN), um mich dann als Assistent von Prof. Dr. Andreas  Knorr tiefer mit dem Schienen- und Luftverkehr auseinanderzusetzen. Das war die Zeit Hartmut Mehdorns als Vorstandsvor-sitzender der Deutschen Bahn AG. Eine spannende Zeit, da das Thema Privatisierung und Deregulierung des Schienenverkehrs in ganz Europa auf der Agenda stand.

Wie ging es beruflich für Sie weiter?
Über die folgende Tätigkeit für eine Beratungsgesellschaft bin ich zur Fraport AG gekommen. Die Fraport AG ist als Betreiberin des Frankfurter Flughafens bekannt; tatsächlich betreibt sie weltweit zahlreiche Flughäfen. Meine Tätigkeit dort beinhaltete die Entsendung zum europäischen Flughafenverband ACI EUROPE in Brüssel. Dort habe ich das Verbandsgeschäft von der Pike auf gelernt und auch, was es heißt, als Interessenvertreter die Interessen einer Branche zu vertreten. Dabei ging es um die Interessen sehr unterschiedlicher Flughäfen in unterschiedlichen Ländern mit völlig unterschiedlichen Rahmenbedingungen. Ein Beispiel: Wohingegen Schnee für den Betrieb eines Flughafens im Norden Norwegens ein wichtiges Thema ist, spielt er für einen Flughafen in Portugal kaum eine Rolle. Die Kunst war es, aus dieser Gemengelage eine gemeinsame Position zu formen, die wir dann auf allen Ebenen offensiv vertreten haben. Und das sehr erfolgreich.

Zuletzt habe ich für die Fraport AG als Vice President Operational Planning gearbeitet. In dieser Rolle habe ich mit meinem Team die Luftseite des Flughafens strategisch begleitet und für die Zukunft fit gemacht. Natürlich habe ich auch weiter in deutschen, europäischen und weltweit agierenden Luftverkehrsverbänden gewirkt sowie als Non-Executive Director – einer dem deutschen Aufsichtsrat vergleichbaren Position – für ein Gemeinschaftsunternehmen von europäischen Flughäfen, Fluggesellschaften und Flugsicherungen in Brüssel gearbeitet.

Ich glaube, dass Verbände die einzige Instanz sind, die ein Gesamtbild für eine Branche aufbauen und relevante Themen im Interesse des Gesamtbildes beeinflussen können.

Dem rollenden Känguru, der AMÖ und einer gesamten Branche können Sie jetzt Ihren Stempel aufdrücken. Challenge accepted?
Mich reizt es, einen Verband zu leiten. Ihn fit zu machen für die Zukunft. Das ist eine Herausforderung, die ich gerne annehme und die mich sehr interessiert. In den letzten Jahren haben sich die Erwartungen der Mitglieder an ihre Verbände stark verändert. Es reicht nicht mehr, einen regelmäßigen Austausch zu ermöglichen und rauschende Feste zu feiern. Ich habe das Gefühl, dass das noch nicht überall begriffen wurde.

Gleichzeitig gibt es immer mehr Organisationen, die sich politisch äußern oder Unternehmen Leistungen anbieten, die zuvor durch Verbände erbracht wurden. Ob das immer gut und zielführend ist, sei dahingestellt. Es ist aber definitiv eine Situation, auf die Verbände eine Antwort finden müssen. Zudem sind viele Unternehmer immer stärker in ihren Unternehmen eingebunden und haben weniger Zeit, um sich in Verbänden zu engagieren. Auch damit muss ein Verband umgehen können. Und meine vielen Gespräche mit den Unternehmerinnen und Unternehmern zeigen mir klar, dass die AMÖ auch in dieser Situation zukünftig eine sehr wichtige Rolle für sie spielen kann.

Ich glaube, dass Verbände die einzige Instanz sind, die ein Gesamtbild für eine Branche aufbauen und relevante Themen im Interesse des Gesamtbildes beeinflussen können. Erst recht, wenn sie eine Branche vertreten, die aus vergleichsweise kleinen Unternehmen besteht. Diese Unternehmen haben in aller Regel kaum eigene Ressourcen, um die Vertretung ihrer Interessen wahrzunehmen. Da erscheint es logisch, die Interessenvertretung in einem Verband zu bündeln.

Ich möchte auch hervorheben, dass die Gespräche mit dem Präsidium vor Unterschrift außerordentlich gut und vertrauensvoll waren. Ich bin davon überzeugt, dass wir an einem Strang ziehen. Für mich ist das eine wesentliche Grundvoraussetzung. Und natürlich erleichtert es meine Arbeit als Hauptgeschäftsführer ungemein, wenn ich das Präsidium an meiner Seite weiß.

Sie waren in den vergangenen Monaten viel unterwegs und haben sich in den Mitgliedsunternehmen, den Landesverbänden und Ministerien vorgestellt. Was haben Sie von dort mitgenommen? Was sind Ihre Eindrücke?
Die Branche ist sehr divers und wenig politisch. Man spricht offen und direkt, was ich als Mensch, der im Ruhrgebiet aufgewachsen ist, sehr sympathisch finde. Mir ist das offene Wort lieber als falsche Rücksichtnahme oder Agieren hinter dem Rücken. Wir wollen ja gemeinsam etwas erreichen. Ich sehe aber auch, dass es eine gewisse Zurückhaltung gibt, eigene Positionen der Branche aktiv nach außen zu vertreten. Darüber, woran das liegt, kann ich nur spekulieren. Ich bin aber überzeugt, dass wir unsere Positionen mit Rückgrat vertreten müssen. Insbesondere weil wir Dienstleistungen erbringen, die Menschen zugutekommen und die nach wie vor gefragt sein werden. Klar ist auch, dass sich die Rahmenbedingungen, unter denen unsere Mitgliedsunternehmen ihre Leistungen erbringen, gerade massiv verändern. Da wird Widerstand häufig zwecklos sein.

Aus meiner Sicht ist es immer besser „mit der Kraft zu gehen“ und die Chancen und Potentiale, die sich durch Veränderungen ergeben, zu nutzen. Das bedeutet, dass wir als Branche eine klare Idee der Zukunft brauchen. Wie stellen wir sie uns vor? Nur, wenn wir das wissen, können wir Chancen und Potentiale entdecken und entsprechend nutzen.

Bei meinen zahlreichen Gesprächen bin ich durchweg auf interessante Personen und interessante Unternehmen gestoßen, die genau diese Fragen umtreiben. Und die eine positive und sinnvolle Antwort auf diese Fragen finden wollen. Die nicht gegen jegliche Veränderung sind. Das stimmt mich sehr optimistisch.

Aus meiner Sicht ist es immer besser „mit der Kraft zu gehen“ und die Chancen und Potentiale, die sich durch Veränderungen ergeben, zu nutzen.

Was hat Sie am meisten überrascht?
Ganz eindeutig die Breite der Leistungen und die Flexibilität, die unsere Mitgliedsunternehmen tagein, tagaus für ihre Kundinnen und Kunden erbringen. Und auch die Leidenschaft und die Selbstverständlichkeit, die sie dabei an den Tag legen. Sie machen in einem schwierigen Umfeld sehr viel möglich. Darauf können sie stolz sein.

Gab es schon konkrete Handlungsaufträge oder Punkte, von denen Sie sagen: "Das muss dringend angepackt werden?"
Ich denke, dass ich den Vorteil habe, dass ich die Dinge noch von außen sehen kann. Ich kann Fragen stellen, die mir niemand übelnimmt. So fällt mir viel auf, dass ich in Gesprächen ansprechen und mit meinen Gesprächspartnern hinterfragen kann. Oft stoße ich dabei auf Punkte, die meine Gesprächspartner auch umtreiben oder die sie für sich bereits hinterfragt haben. Gemein- sam gelingt es dann sehr schnell, auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen und Alternativen zu entwickeln. Ideen zu Themen, die wir angehen sollten, habe ich viele. Ich glaube aber nicht, dass es notwendig ist, große Aktionspläne zu erstellen. Die sind ohnehin schnell überholt. Es ist weitaus wichtiger, die Dinge Stück für Stück besser und die AMÖ jeden Tag ein bisschen schlagkräftiger zu machen. Und dabei spielt wieder der intensive und direkte Kontakt zu unseren Mitgliedern eine Rolle. Es bringt ja nichts, wenn wir in Hattersheim viel verändern, was letztlich nicht das Richtige für unsere Mitglieder ist.

Seit Anfang November sind Sie für die Hauptgeschäftsführung eigenverantwortlich zuständig. Was steht ganz oben auf Ihrer To-Do-Liste?
Wie gesagt, geht es mir in allererster Linie darum, einen direkten Draht zu den Mitgliedern des Verbandes aufzubauen, der offene Gespräche erlaubt. Ich möchte auch, dass wir mehr miteinander an den Themen, die die Branche bewegen, arbeiten. Niemanden ist geholfen, wenn nur einige Wenige die Politik des Verbandes bestimmen. Wir brauchen einen breiten Konsens und ich bin davon überzeugt, dass wir den auch erreichen können. Das geht aber nur, indem wir miteinander reden. Ich wünsche mir, dass wir uns konstruktiv mit unseren jeweiligen Perspektiven, Positionen und Situationen auseinandersetzen. Und dass wir zu jedem relevanten Thema als Verband eine Meinung haben und die auch transportieren.

Uns als Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Geschäftsstelle des Verbandes kommt dabei eine zentrale Rolle zu: Die des Moderators, Mittlers und Übersetzers. Gleichwohl gibt es Themen, in denen wir uns als AMÖ weit stärker positionieren sollten als das bislang geschehen ist. Digitalisierung und Fachkräftewettbewerb sind nur zwei Beispiele.

Wo sehen Sie die Stärken und die Schwächen des Bundesverbandes?
Die AMÖ hat mit ihren Mitgliedern und als Verbandsfamilie insgesamt gemeinsam viel erreicht. Das ist mir bewusst. Davor habe ich Respekt. Ich weiß diese Leistungen und das Erreichte zu würdigen. Ich kenne mich aber auch gut genug, dass ich gerade auf der Basis dessen, was bislang geschaffen wurde, das Potenzial für Neues, für Innovationen sehe. Wie eingangs erwähnt, habe ich auch ein wenig den Eindruck, dass wir mehr Empfänger denn Sender sind, dass wir nehmen, was da kommt. Und ich weiß, dass wir die Energie und die Kraft haben, selbst Akzente zu setzen, statt die Entwicklun- gen nur auf uns zukommen zu lassen. Das führen mir auch meine vielen Gespräche mit Unternehmerinnen und Unternehmern und auch den Hauptamtlichen in den Landesverbänden immer wieder vor Augen.

Darüber hinaus bin ich überzeugt, dass wir noch mehr den Kontakt zu den Unternehmerinnen und Unternehmern suchen müssen. Dieser Kontakt ging aus meiner Sicht in der jüngeren Vergangenheit etwas verloren. Das ist ja auch leicht erklärbar – das Virus macht vieles schwieriger. Dennoch ist dieser Kontakt immens wichtig, um die Sorgen und Nöte der Unternehmerinnen und Unternehmer zu kennen, dort ansetzen zu können, wo es notwendig ist, kurz: um zu wissen, ob wir als AMÖ auf dem richtigen Weg sind.

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