Titel 3/2019

Nadelöhr Laderampe

Wartezeiten, Fahrermangel, Kostendruck: Der Alltag an der Entladerampe ist gekennzeichnet von Zeitstress, nicht vereinbarten Zusatzarbeiten und gewaltig viel Frust. Wo der Schuh drückt und welche Ideen daran etwas ändern sollen…

Die Kosten von Transport- und Spedi­tionsdienstleistungen stehen im Fo­kus jeder Verhandlung zwischen Verlader und der Spedition. In jüngster Vergan­genheit haben insbesondere die gestie­genen Personalkosten sowie die Kosten der Mautausweitung und Mauterhöhun­gen die Gespräche dominiert. Allerdings sollten neu hinzukommende Kostenfak­toren, der Fahrermangel und die Lage an den Entladerampen bei der Kostenrech­nung nicht außer Acht gelassen werden.

Die klassischen Neumöbelspediteure übernehmen für die Möbelindustrie die Auslieferung der Ware an den Möbel­handel. Der Möbelhandel erwartet dabei in der Praxis zumeist die Entladung der Ware durch die Spedition, zum Teil so­gar bis ins Lager hinein. Eine Avisierung der Lieferung ist gewünscht beziehungs­weise wird verlangt. Teilweise ist ein zweiter Mann für die Entladung erfor­derlich und von der Spedition zu stellen.

Schon seit längerem ist zu beobachten, dass der Handel seine Kapazitäten an den Rampen spürbar abbaut beziehungsweise abgebaut hat. Vom Möbelhandel wird weniger Personal für die Entladung, das Verbringen der Möbel in das Lager und die mit der Anlieferung verbundenen admi­nistrativen Arbeiten eingesetzt. Längere Wartezeiten an der Rampe sind die Folge.

Die Zeiten der Warenannahme wur­den darüber hinaus bei den meisten Annahmestellen spürbar verkürzt. Vor allem an Freitagen ist eine Anliefe­rung bei vielen Möbelhändlern mitt­lerweile nicht mehr möglich. Darüber hinaus steht die Lagergröße teilweise nicht in einem angemessenen Ver­hältnis zur umzuschlagenden Menge.

Dabei stellt sich die Lage jedoch von Lager zu Lager unterschiedlich dar. Selbst in einer großen Gruppe von Handelshäusern kann die Situation an der Rampe in einem Haus zufrie­denstellend sein und in einem ande­ren können größte Probleme bestehen.

Für die Speditionen verschärfen sich die Probleme der Warenauslieferung in jüngster Vergangenheit dramatisch auf­grund des Fahrermangels. Daraus resul­tiert in der Konsequenz ein Mangel an Laderaum.

Zeitfenster-Buchung kostet

Um die eigenen Prozesse bei der Waren­annahme zu optimieren, werden vom Möbelhandel vereinzelt Zeitfenster-Bu­chungssysteme eingesetzt. Hierbei bucht der Spediteur einen bestimmten Zeitraum für seine Anlieferung. Es gilt zu beachten, dass durch die Zeitfenstersysteme für den Spediteur zusätzliche Kosten entstehen.

Wesentlich sind in der Kostenkalku­lation erhöhte Aufwendungen für Per­sonal- und Fahrzeugeinsatz, wenn Lkw und Fahrer bereits ein oder zwei Stun­den vor dem vereinbarten Termin un­produktiv beim Händler stehen, um die Gefahr zu minimieren, angesichts nicht mehr vorhersehbarer Verkehrsströme und Verkehrsbehinderungen nicht zeit­gerecht ausliefern zu können. Nicht frist­gerecht erfolgte Anlieferungen können Konventionalstrafen nach sich ziehen. Konnte die Anlieferung nicht wie ge­plant erfolgen, ist in jedem Fall aber eine erneute Anlieferung erforderlich.

Je weniger flexibel ein Zeitfenster-Bu­chungssystem ausgestaltet ist – lange Vorabbuchung erforderlich, Anpassun­gen nicht möglich, Beharren auf strikte Einhaltung des gebuchten Zeitfensters – desto schwieriger ist es für die Spedi­tion, mit dem System zu arbeiten, und desto höher sind die indirekten Kosten des Systems für den Möbellogistiker.

Werden Zeitfenstermanagementsys­teme hingegen intelligent eingesetzt, könnten sie dazu beitragen, Wartezeiten an der Rampe erheblich zu verkürzen. Dies bedingt seitens des Handels, dass die Kapazitäten für die Warenannahme auch gemäß den getätigten Buchungen bereitgestellt werden. Auf nicht zu ver­hindernde Anlieferprobleme zum Bei­spiel infolge nicht vorhersehbarer Ver­kehrsbehinderungen muss seitens des Handels adäquat reagiert werden, in­dem eine gewisse Flexibilität bei der Warenannahme an den Tag gelegt wird.

Würde der Möbelhandel Zeitfenster-Bu­chungssysteme jedoch vermehrt ein­setzen, so stünde dies der Tourenop­timierung der Neumöbellogistiker, die auf einer Tour in der Regel mehrere Warenannahmestelle anfahren, dia­metral entgegen. Das System stände in kürzester Zeit vor dem Kollaps.

Projekte angestoßen

Um die Rampenproblematik zu entschär­fen, wurde im Rahmen der Zukunftsini­tiative Möbellogistik (ZIMLog) das Pilot­projekt „Entladehelfer“ gestartet. Dabei konnte an der Entladestelle bei Porta Mö­bel in Vennebeck (NRW) vom anliefern­den Möbelspediteur ein geschulter Ent­ladehelfer eines Personaldienstleister gebucht werden. Hierdurch wird das Ent­laden im Zwei-Mann-Handling ohne Bei­fahrer ermöglicht. In Fällen, in denen ein Zwei-Mann-Handling nicht zwingend erforderlich ist, kann das Entladen be­schleunigt werden oder der Fahrer eine erforderliche Ruhezeit einlegen. Die Kos­ten für einen Entladehelfer beliefen sich in dem Pilotprojekt auf 26 Euro pro Stunde.

Nach einer Testphase soll geprüft wer­den, ob das Model zukünftig eine regio­nale Ausweitung erfahren könnte. Ziel ist, dass Entladehelfer nicht nur an einer ein­zelnen Entladestelle, sondern flächende­ckend in einer Region zur Verfügung ste­hen. In der Folge kann auch bei einer Tour mit mehreren Anlieferstellen, bei denen ein Zwei-Mann-Handling für die Entla­dung erforderlich ist, auf einen Beifahrer verzichtet werden. Die Beschleunigung von Entladevorgängen und die Möglich­keit für den Fahrer, erforderliche Pausen während der Entladung einzulegen, er­möglicht es, die immer knapper werdende Ressource viel effizienter einzusetzen.

Die Kosten des Einsatzes von externen Entladehelfern stellen erhöhte Aufwen­dungen der Anlieferung dar. Wenn es gelingt, dass für die Auslieferungstour allerdings auf einen zweiten Mann ver­zichtet werden kann, ist zu prüfen, ob die Nutzung externer Kapazitäten nicht sogar sinnvoller ist. Außer Frage steht, dass die eigentlich richtige Variante wäre, dass der Warenempfänger die Entladung übernimmt. Realistisch betrachtet ist aber festzustellen, dass die Logistik heute an vielen Orten beinahe froh sein muss, wenn der Handel die Ware überhaupt annimmt.

Aber nicht nur in der Möbelspedition stellt die Rampe vielfach das Nadel­öhr in der Logistikkette dar. Im letzten Jahr hat der Ansatz des Lebensmittel­discounters Lidl, für zugesicherte Ent­ladungen eine Gebühr von bis zu 200 Euro zu verlangen, für erhebliche Auf­regung gesorgt. Man könnte meinen, manch Warenempfänger hat gar kein Interesse mehr an seiner Ware. Von einer Verpflichtung des Kunden, die bestellte Ware auch anzunehmen, ist bei solchen Ansätzen gar nichts mehr zu spüren.

Unabhängig davon welche Lösungen sich im Einzelnen zukünftig durch­setzen werden, allen Ansätzen muss gleich sein, dass die immer knapper werdende Ressource „Fahrer“ sich pri­mär ihrer eigentlichen Aufgabe – dem Fahren – zuwenden können sollte.

Um alle Beteiligten zu einer ange­messenen Berücksichtigung des immer drängenderen Fahrermangels zu be­wegen, muss bei Verhandlungen der Logistiker mit den Verladern auch zur Sprache kommen, ob und welche Wa­renannahmestellen besondere Probleme aufwerfen und gegen die Regeln eines guten Miteinanders zu Lasten der Lo­gistiker und ihrer Fahrer verstoßen. In der Konsequenz muss diese Erkenntnis dann auch Teil der Verhandlungen zwi­schen Vertrieb der Industrie und dem Einkauf des Handels werden. Es ist nun einmal das besondere Schicksal der Lo­gistik, dass sie in einem Spannungsfeld mehrerer Beteiligter steht, die nicht alle Vertragspartner sind und die im Laufe von Verhandlungen der jeweils anderen Partner im Regelfall ausgeblendet sind.

Doch wie lässt sich insbesondere der täg­liche Frust an der Rampe bekämpfen und das Miteinander verbessern? Hier ver­sucht der Deutsche Industrie- und Han­delskammertag (DIHK) einen neuen Vor­stoß. Mit „Goldenen Rampenregeln“ will er dazu beitragen, dass der Empfang und das Verladen von Waren effektiver abläuft.

9 Goldene Rampenregeln

Auch wenn diese „Goldenen Regeln“ in dem Bemühen, möglichst für alle Wirt­schaftsbereiche zu gelten, sehr allgemein gehalten sind, so ist doch bemerkenswert, dass diese bei den auch im DIHK vertre­tenen unterschiedlichen Interessen so verabschiedet werden konnten. Immer­hin saßen Industrie, Handel und Logistik dort an einem Tisch und mussten sich auf das Regelwerk verständigen. Insofern haben wir bei Möbeln zwar in einigen Punkten andere Verfahren, im Grund­satz treffen die Regeln jedoch den Kern:

  1. Ausreichende Kapazitäten an den Laderampen sicherstellen

An den Laderampen sollten ausrei­chende Kapazitäten vorgehalten wer­den. Dies betrifft die Rampenzone, das Lager, das Personal und die Ladehilfs­mittel gleichermaßen. Auch sollten bau­liche Voraussetzungen für reibungslose Umschlagevorgänge geschaffen wer­den. Dazu gehören insbesondere ge­eignete Maße für Rampen, Vordächer und so weiter sowie Unterraum an der Rampe für Fahrzeuge mit Hebebühne.

  1. Ausreichend Parkraum...

Für den Hofverkehr einschließlich Park-und Wartezonen sollte ausreichend Flä­che vorhanden sein. Mit Blick auf den Mangel an LKW-Parkplätzen sollte der Fahrer dort möglichst auch seine Ruhe­zeiten vor oder nach der Beladung ver­bringen können. Werden wartenden Fahrern Funkmeldeempfänger ausge­händigt, können Fahrzeuge jederzeit zügig abgerufen und unnötige Wege in das Abfertigungsbüro vermieden werden.

  1. ...und Rampenöffnungszeiten

Die Rampenöffnungszeiten sollten aus­reichend lang sein und den Transport­unternehmen die Möglichkeit geben, Touren ohne Leerlauf zu planen. Bei Restriktionen von Kommunen sollte ge­prüft werden, inwieweit Lockerungen unter Wahrung der Interessen Dritter (Lärmschutz für Anlieger) möglich sind. Insbesondere in Saisonhochzeiten und vor verkaufsstarken Feiertagen sollten Rampenöffnungszeiten dem gesteiger­ten Anliefervolumen angepasst werden.

  1. Vereinbarte Zeitfenster einhalten

Vereinbarte Zeitfenster sollten von Ver­ladern, Transporteuren und Empfängern gleichermaßen als verbindlich angese­hen werden. Es sollte bedacht werden, dass die Nichteinhaltung von Zeitfens­tern bei Transportunternehmen, Han­del und Gewerbe gleichermaßen zu er­höhten Kosten führt. Bei Verzögerungen beispielsweise durch Stau sollten schneller fließen, damit Zeitfenster flexibel gehandhabt werden können und auch für Fahrzeuge, die zu früh oder zu spät kommen, die Warte­zeit möglichst gering bleibt. Attraktive Zeitfenster sollten nicht verkauft werden.

  1. Informationsfluss verbessern

Moderne Informations- und Kommu­nikationstechnologien sowie Big Data sollten dazu genutzt werden, die Partner möglichst frühzeitig über Veränderungen oder Störungen zu informieren und den Datenfluss über Ladezeiten und Waren zu verbessern. Hierzu gehören beispielsweise Zeitfenstermanagementsysteme, Avi­sierungsverfahren, LKW-Abrufsysteme, eine digitalisierte Fahrzeugabfertigung und die beleglose Wareneingangsprü­fung. Der Königsweg wäre die Verarbei­tung von Telematikdaten in Echtzeit.

  1. Vorhaltung von Tauschpaletten

Tauschpaletten sollten in ausreichen­der Zahl und in angemessener Qua­lität an den Laderampen zur Verfü­gung stehen und übergeben werden.

  1. Zuständigkeiten klar regeln

Be- und Entladung sowie begleitende Prozesse wie das Entfernen von Folien oder die Vereinzelung von Sandwichpa­letten fallen nicht in die Zuständigkeit des Fahrers. Die Unsicherheit hierüber führt zu Konflikten und Missverständ­nissen. Prozesse sollten verbindlich ge­regelt werden. Klargestellt werden sollte auch die Verantwortung für eine betriebs-und beförderungssichere Verladung.

  1. Persönlichen Umgang verbessern

Fahrer und Personal an den Laderampen sind mit der gebotenen Wertschätzung zu behandeln. Fahrern sollte der Zugang zu Sanitäreinrichtungen und Sozialräumen möglich sein. Diese sollten in ausreichen­der Anzahl und Qualität verfügbar sein. Die Fahrer ihrerseits bemühen sich darum, diese Anlagen angemessen zu nutzen.

  1. Sprachkompetenz verbessern

Fehlende Sprachkenntnisse führen zu Missverständnissen, Verzögerungen und Gefahren an den Ladezonen. Alle Beteilig­ten bemühen sich darum, die Sprachkom­petenz der an der Laderampe tätigen Per­sonen zu verbessern. Eine Verständigung auf Deutsch oder Englisch sollte möglich sein. Zur Unterstützung können Pikto­gramme eingesetzt werden.

ZIMLog-„Rampen-Knigge“ optimiert den Ablauf

Um den Prozess an der Rampe zu ent­schärfen, wurden als Teil der Branchen­initiative Zukunftsinitiative Möbello­gistik folgende Richtlinien entwickelt:

Eintreffen am Lager

Allgemein:

  • Annahme Montag bis Freitag zu nor­malen Geschäftszeiten; 8 Std. täglich; mind. 40 Wochenstunden
  • Entladung unterbrechungsfrei durch Fahr- und Lagerpersonal (Pausen entsprechend regeln)
  • Vorrücken wartender Lkw vermei­den; Wartedauer als Ruhezeit nutzen
  • Avisierte Waren zum avisierten Ter­min entladen

Zuständigkeit Transportunternehmen:

  • Unmittelbare Anmeldung
  • Verkehrswege nicht blockieren
  • Bei Anmeldung Lieferschein vorle­gen! Kein Frachtbrief oder Rollkarte!

Zuständigkeit Lagerpersonal:

  • Warenannahmepapiere anhand Vor­ablieferinformationen vorbereiten
  • Voraussichtliche Wartezeit benennen und so kurz wie möglich halten
  • Kleinmengen wie Paketsendungen über Expressrampe abwickeln, sofern Entladezeit maximal 30 Minuten

Entladevorgang an der Rampe

Allgemein:

  • ausreichende Beleuchtung und Raum zur Entladung/Kommissio­nierung und Papierhandling

Zuständigkeit Transportunternehmen:

  • Entladung erfolgt in der Regel in der Verantwortung des Transport­unternehmens mit ausreichend Entladepersonal für eine zügige und schonende Entladung
  • Wird Ware durch das Transport­unternehmen auf ein Ladehilfsmittel verbracht, sorgt es für eine sichere Abstellung
  • Frachtführer meldet während Ent­ladung entdeckte oder auftretende Mängel (vermeidet Folgekosten)
  • Der Wirkungsbereich des Transport­unternehmens endet im Rampenbe­reich. Keine Aufenthalte oder Tätig­keiten innerhalb des Lagerbereiches.
  • Frachtführer verlässt nach Entla­dung den Rampenbereich unmittel­bar mit dem Fahrzeug

Zuständigkeit Lagerpersonal:

  • Ansprechpartner bereitstellen
  • Beim Eintreffen des Transportunter­nehmens: Papiere bereithalten
  • ausreichend Ladehilfsmittel vorbe­reiten und bereitstellen
  • Abschließende Ladungssicherung
  • Kontrolle der angelieferten Ware (Menge, offensichtliche Mängel)
  • Eventuell handelsseitig notwendige Etikettierungen oder sonstige Kenn­zeichnungen
  • Kontrollen/Quittierung durch Emp­fänger umgehend nach Entladung.

Die Entladestandards im Original siehe https://dcc-moebel.org/zimlog.html

Zurück