GuV 12/2021

"Wir sind bereit!"

Rede des Präsidenten der AMÖ, Frank Schäfer, anlässlich der Mitgliederdelegiertenversammlung vom 30. September 2021 in der Stadthalle Hofheim.

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

unsere diesjährige Mitgliederdelegiertenversammlung fiel in eine Zeit, die in der Momentaufnahme geprägt ist durch die Frage, wie unser Land nach der Bundestagswahl regiert werden wird. Die Farbenlehre ist für uns dabei wenig wichtig. Aus Unternehmersicht ist für uns vor allem entscheidend, dass wir eine Regierung bekommen, die realistisch und mit einem klaren Blick auf die Herausforderungen der Zukunft endlich ambitioniert die drängenden Probleme unserer Zeit anpackt.

Wir erwarten eine realistische und vor allem eine ideologiefreie Politik, die bei Gesetzen und Verordnungen die Auswirkungen auf die Wirtschaft und unsere Gesellschaft insgesamt und langfristig berücksichtigt.

Wir brauchen weiterhin Investitionen, mit denen wir unsere Infrastruktur erhalten, mit denen wir die Interoperabilität der Verkehrsträger stärken, und mit denen es gleichzeitig gelingt, die Nachhaltigkeits- und Klimaziele zu erreichen.

Die Dekarbonisierung des Verkehrs ist einer der Meilensteine auf dem Weg zu einer klimaneutralen Gesellschaft. Gemäß dem in diesem Jahr verabschiedeten neuen Klimagesetz muss der CO2-Ausstoß in Deutschland bis zum Jahr 2030 um 65 Prozent gegenüber 1990 gesenkt werden. Nach den Vorgaben des im Juni verabschiedeten neuen Klimagesetzes muss der Verkehrssektor bis 2030 insgesamt 85 Millionen Tonnen CO2 einsparen. Bis 2045 soll das Ziel der Klimaneutralität erreicht sein.

55.000 Windkraftanlagen erforderlich
Wir sind bereit, unseren Teil beizutragen, die Klimaziele zu erreichen. Allerdings erwarten wir Realismus und benötigen von den Lieferanten die richtigen Produkte. Wir benötigen ein schnell verfügbares, breites Angebot von Fahrzeugen mit alternativen, emissionsfreien Antrieben.

Als Anwender können wir nur die Fahrzeuge nutzen, die die Industrie zur Verfügung stellt und die auch wirtschaftlich sind. Dazu gehören konstante Zuverlässigkeit, marktfähige Anschaffungskosten, auch wenn diese für einen begrenzten Zeitraum mit Subventionen erreicht werden, ein Verwertungsmarkt für die Bestandsfahrzeuge und die Möglichkeit, die alternativen Antriebsmittel auch zu tanken oder aufzuladen.

Windkraft und Solarenergie alleine werden für den benötigten „Grünen Strom“ nicht ausreichen. Nur um den Straßengüterverkehr zukünftig zu elektrifizieren, wären 55.000 zusätzliche Windkraftanlagen erforderlich. Derzeit drehen in Deutschland knapp 30.000 Windkraftwerke ihre Rotoren.

Dekarbonisierung: Ein Problem von vielen
Nur um die Dimension zu verdeutlichen: der Lkw-Verkehr trägt weniger als fünf Prozent zu den Gesamtmissionen in Deutschland bei. Mindestens der Faktor 20 der heute in unserem Land genutzten elektrischen Energie würde also für die Zukunft benötigt. Die Frage, woher dieser klimaneutrale Strom kommen soll, muss seriös beantwortet werden.

Die Dekarbonisierung des Verkehrs ist aber nur eines der Probleme, denen wir uns gegenübersehen. Ganz aktuell stehen aber noch andere Themen im Fokus.

Unsere Hoffnung, dass es uns schneller gelingen wird, die Corona-Pandemie erfolgreich in den Griff zu bekommen, hat sich leider nicht erfüllt. Die deutsche Wirtschaft ist im letzten Jahr erstmals seit 2009 wieder geschrumpft, und zwar deutlich um minus 4,6 Prozent. Die Arbeitslosenquote ist deutlich gestiegen, von 5,0 auf 5,9 Prozent. Die Zahl der Arbeitslosen stieg im Jahresdurchschnitt 2020 um 429.000 auf 2,7 Millionen Menschen. In der Spitze waren bis zu 6 Millionen Menschen in Kurzarbeit, teilweise auch in der Möbelspedition.

Die Staatsschulden sind in nur einem Jahr um 275 Milliarden Euro angewachsen. Eine Pleitewelle dürfte nur auf Grund der Aussetzung der Insolvenzantragspflicht ausgeblieben sein. Die Inflation ist mittlerweile bei rund 4 Prozent angekommen. Weitere Preistreiber sind bereits beschlossen oder zumindest angekündigt.

Da ist zum Beispiel der CO2-Preis, der sich von jetzt 25 Euro auf 55 Euro pro Tonne bis 2025 mehr als verdoppeln soll. Mittlerweile mehren sich die Forderungen, den Preis pro Tonne auf 100 Euro und mehr zu erhöhen.

Corona hat die Weltwirtschaft tief erschüttert. Auch die Wirtschaft leidet massiv unter den Folgen von „Long Covid“: das Herunterfahren der Produktion bei wichtigen Lieferanten weltweit, reduzierten Kapazitäten aufgrund der angeordneten Schließung von Unternehmen, aber auch die Schließung der Grenzen, selbst innerhalb Europas, die wiederholte Schließung wichtiger Häfen in China, haben in unserer hochgradig vernetzten Weltwirtschaft zu massiven Verwerfungen geführt. Eine Entspannung ist nicht in Sicht.

Wir erwarten eine realistische und vor allem ideologiefreie Politik!

Auch wegen Corona hat sich die Verschiebung der Märkte im letzten Jahr in hohem Tempo fortgesetzt. Die Marktanteile des Versandhandels, auch mit Möbeln und Großgeräten sind weiter gestiegen. Binnen Jahresfrist sind die Umsätze im Onlinehandel mit Möbeln stark überdurchschnittlich, um mehr als 27 Prozent, gewachsen. Diese für unsere Neumöbelverteillogistiker grundsätzlich positive Entwicklung hat allerdings eine Geschwindig- keit angenommen, die uns vor kaum noch zu bewältigende Herausforderungen stellt. Es ist praktisch unmöglich, im gleichen Tempo, in dem der Onlinehandel wächst, Logistik- flächen, gewerbliche Mitarbeiter, und die Managementkapazität auszuweiten. Die bekannte Stressphase vor Weihnachten hält jetzt schon seit Beginn der Pandemie an.

Vielfältige Herausforderungen
Wohl auch durch die Unterstützungsmaßnahmen der Regierung, insbesondere durch das Kurzarbeitergeld, sind die meisten Mitgliedsunternehmen bislang gut durch die Krise gekommen. Dennoch sehen wir uns einer Vielzahl von Herausforderungen gleichzeitig gegenüber: Da ist die erhebliche Kostensteigerung in praktisch allen Bereichen. Die Erzeugerpreise sind in Deutschland im August im Vergleich zum Vorjahr um 12 Prozent gestiegen! Das war so hoch, wie seit 1974 nicht mehr. Allein der Dieselpreis ist seit Ende letzten Jahres um mehr als 25 Prozent gestiegen. Dazu kommen die gestiegenen Kosten für Energie und, für die Umzugsspediteure besonders bedeutend, für Verpackungsmaterial. Dabei spielt es keine Rolle, ob wir über Kartonagen, Kunststoffe oder über Holz sprechen. Wellpappen sind im Vergleich zum Vorjahr um über 40 Prozent im Preis gestiegen, der Preis für Kunststoffe um über 60 Prozent zum Jahresbeginn, Holz ist teilweise mehr als dreimal so teuer wie noch vor einem Jahr. Als Konsequenz mussten insbesondere die Umzugsspeditionen in den ersten beiden Quartalen 2021 für Kartonagen bereits Preiserhöhungen von bis zu 25 Prozent verkraften, für Luftpolsterfolien bis zu 40 Prozent und für Holzprodukte um bis zu 50 Prozent.

Sorgen bereiten uns aber nicht nur die gestiegenen Preise. Hinzu kommen die Lieferprobleme. Bei vielen Produkten müssen wir mittlerweile wochenlange Lieferfristen akzeptieren, sofern die Lieferanten überhaupt noch lieferfähig sind.

Ursache für diese Marktturbulenzen sind eine Reihe von Gründen. Da ist einerseits die Coronapandemie, die aus den bereits erwähnten Gründen etablierte Lieferketten empfindlich gestört, teilweise komplett unterbrochen hat. Hinzu kommt der Bedarf der weiterhin boomenden Bauindustrie, und die hohe Nachfrage aus den USA, China und Großbritannien. Auch der zunehmende Onlinehandel benötigt Verpackungen.

Die Verteuerung der Produkte ist das sichtbarste Zeichen. In vielen Branchen und Unternehmen muss mittlerweile die Produktion gedrosselt oder sogar temporär eingestellt werden, weil wichtige Rohstoffe entweder nur mit erheblicher Verzögerung, in deutlich geringeren Mengen oder gar nicht liefer- bar sind. In den Medien wird dies gerne am Beispiel der Automobilindustrie festgemacht. Es sind aber nicht nur Halbleiter für die Automobil- und Elektroindustrie, die fehlen. Mittlerweile massiv betroffen sind auch die Möbelhersteller. Metallteile, Beschläge und Funktionselemente sind ebenso schwer zu erhalten wie Spanplatten, Polsterschäume, Stoff- und Lederbezüge sowie die unterschiedlichen Massivholzsorten. Damit verschieben sich auch die Strukturen in der Möbellogistik.

Und auf der Straße steht der nächste Kostenschub bevor. Auch wenn seit dem 1. Oktober die Maut aufgrund des Urteils des EUGH zunächst etwas abgesenkt werden musste, kommt doch zu Beginn des nächsten Jahres die nächste Stufe der CO2-Bepreisung. Mit der neuen Eurovignettenrichtlinie wird auch die Maut in Zukunft noch einmal spürbar ansteigen.

Wo die Preise nicht zeitnah an die steigenden Kosten angepasst werden können, steigt auch für uns Logistikdienstleister die Gefahr, in Schieflage zu geraten. Und dabei ist nicht zu vergessen, dass die Notwendigkeit und die Kosten für Investitionen in Zukunft noch steigen werden.

Engpassfaktor Personal
Einer der großen Engpassfaktoren bleibt das Personal, auch für die Möbelspedition. Die große Mehrzahl unserer Mitgliedsunternehmen würde sofort Personal, insbesondere Fahrer, einstellen, wenn das denn überhaupt möglich wäre. Der Arbeitskräftemarkt so scheint es, ist aber regelrecht leergefegt. Aussagen, nach denen allein in Deutschland 60.000 bis 80.000 Kraftfahrer fehlen, erscheinen angesichts der täglichen Erfahrung in unseren Unternehmen mehr als realistisch.

Es mangelt aber nicht nur an Kraftfahrern, sondern auch an sonstigen gewerblichen und kaufmännischen Mitarbeitern. Unsere Mitgliedsunternehmen können deswegen nur einen Teil der Umsätze generieren, die eigentlich gemäß der Nachfrage denkbar wären.

Der Umzugsmarkt ist grundsätzlich wieder in Bewegung gekommen, allerdings noch weit weg vom Volumen vor der Pandemie. Noch immer sind in vielen Unternehmen Investitionsentscheidungen zur künftigen Büroarchitektur nicht getroffen. Noch immer sind viele unserer Kunden durch Restriktionen in erheblicher wirtschaftlicher Schieflage und bauen im Moment überwiegend darauf, dass sich ihre Märkte wieder öffnen. Für viele Unternehmen ist unklar, wie sie sich personell für die Zukunft aufstellen wollen. Welche Mitarbeiter werden für die Zukunft benötigt und wie und wo wer- den diese künftig überhaupt arbeiten? Damit sind die Mitarbeiterumzüge weiterhin nicht auf dem Stand vor der Pandemie. Wegen der anhaltenden Restriktionen in vielen Ländern halten sich die Unternehmen insbesondere bei internationalen Umzügen weiterhin deutlich zurück. Davon abgesehen führen auch die drastisch gestiegenen Preise für die Seefrachten zu deutlichen Rückgängen im internationalen Umzugsmarkt. Dazu kommt, dass die Schiffszeiten kaum noch kalkuliert werden können. In der Folge müssen mittlerweile fast alle Sendungen über Lager gehen. Der Dispositionsaufwand hat mittlerweile ein Ausmaß angenommen, das einer Jonglage im Theater gleicht.

Im letzten Jahr sind wir davon ausgegangen, dass wir 2021 wieder Veranstaltungen organisieren können. Die J’AMÖ-Tagung und die Messe MöLo wären dabei die wichtigsten Events geworden. Bedauerlicherweise konnten wir auch 2021 die geplanten Maßnahmen nicht umsetzen. Wir bleiben zuversichtlich, dass die Bemühungen, die Corona-Pandemie in den Griff zu bekommen, allmählich immer besser greifen werden. Insofern sind wir optimistisch, dass wir im nächsten Jahr wieder häufiger den persönlichen Kontakt pflegen können.

Wir freuen uns, dass die Möglichkeit, Korporatives Mitglied der AMÖ zu werden, von den Partnern unserer Mitgliedsunternehmen sehr gut angenommen wird. Mittlerweile ist der Kreis der Korporativen Mitglieder auf sieben Unternehmen angewachsen.

Die Mautharmonisierung läuft weiterhin gut. Die Abstimmung, auch in anderen Themen, insbesondere mit dem Verkehrsministerium, hat auch im letzten Jahr vergleichsweise gut funktioniert - auch wenn physische Treffen nicht stattfinden konnten. Auch die Zusammenarbeit mit unseren Schwesterverbänden auf der Bundesebene hat sich bewährt, ebenso die Abstimmung mit den Mitgliedsverbänden der AMÖ in den regelmäßigen Videokonferenzen.

Wir haben mit Andreas Eichinger einen qualifizierten Nachfolger gefunden!

Anfang des Jahres wurde die Verbraucherschlichtungsstelle Umzug als offiziell anerkannt. Damit ist die AMÖ eine von bundesweit nur 28 anerkannten Schlichtungsstellen.

Ebenfalls Anfang des Jahres haben wir mit dem Rechtsausschuss und externen Fachleuten in hoher Geschwindigkeit neue AGB Umzug erarbeitet, nachdem gleich zwei Landgerichte mehrere Klauseln der alten, in diesem Fall der ganz alten AGB Umzug als unzulässig beurteilt haben. Nachdem das OLG Karlsruhe vor kurzem im Berufungsverfahren die Urteile der beiden Landgerichte bestätigt hat, werden wir die AGB jetzt noch einmal anpassen, indem wir insbesondere zwei Formulierungen streichen und dann, sofern der Gesamtvorstand den Änderungen zustimmt, diese für 2022 unverbindlich empfehlen. Parallel überarbeiten wir aktuell auch die Allgemeinen Lagerbedingungen und gehen davon aus, diese den Mitgliedsunternehmen parallel mit den AGB Umzug zur Verfügung stellen zu können.

Verstärkung in der Geschäftsstelle
Die Entwicklung der neuen Allgemeinen Geschäftsbedingungen hat unseren neuen Justiziar und Syndikusanwalt Farsad Saghafi, der seit Dezember 2020 das Team in der Geschäftsstelle verstärkt, gleich tief in die Lebenswelt der Möbelspedition eintauchen lassen.

Seit dem Frühjahr ist die AMÖ auch offiziell als Versicherungsvermittler registriert. Damit können wir die Mitgliedsunternehmen noch besser und zielgerichteter in Versicherungsfragen unterstützen. Mit Daniel Adelfinger unterstützt uns ein qualifizierter Versicherungsprofi bei der Beratung der Mitgliedsunternehmen, der im Zweifelsfall bundesweit auf die Kolleginnen und Kollegen der SVG-Assekuranz zurückgreifen kann. Mit der Versicherungsvermittlung untermauern wir auch die langjährige und sehr gute Zusammenarbeit mit der KRAVAG.

Eine weitere Personalie betrifft die Geschäftsführung der AMÖ. Unser langjähriger Hauptgeschäftsführer Dierk Hochgesang hat die AMÖ Ende Oktober verlassen, um sich einer neuen beruflichen Herausforderung zu stellen. Wir möchten diese Gelegenheit nutzen, um Herrn Hochgesang für seinen Einsatz für die Möbelspedition zu danken.

Dank an das AMÖ-Team
Es ist uns gelungen, mit Andreas Eichinger einen qualifizierten Nachfolger zu finden. Herr Eichinger arbeitet sich seit Anfang Juli in die Themen der Möbelspedition ein und wird ab November als Hauptgeschäftsführer die Leitung der AMÖ übernehmen. Wir sehen diese Veränderung in der Geschäftsführung als Chance, die Arbeit des Verbandes organisatorisch und inhaltlich neu aufzustellen.

Ich möchte Sie alle bei dieser Gelegenheit aufrufen, sich aktiv in die Arbeit der AMÖ einzubringen. Es lohnt sich! Motivieren Sie Ihre Kolleginnen und Kollegen.

Und ich danke Allen, die sich in den Ausschüssen und auch sonst im Ehrenamt in die Arbeit unserer AMÖ eingebracht haben. Sehr herzlich danke ich auch meinen Kollegen im Präsidium und den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Geschäftsstelle, die trotz Corona jederzeit uneingeschränkt ansprechbar waren und uns alle mit Informationen versorgt haben und versorgen.

Ihr
Frank Schäfer

Zurück