Editorial 6/2020

Zukunft im Blick

Schon seit vielen Jahren sprechen wir gerne davon, dass sich unser Leben immer stärker beschleunigt. Ratgeber und Seminare, wie man wieder „entschleunigen“ möge, waren zu Verkaufsschlagern avisiert. Und jetzt? Gerade erleben wir, was Beschleunigung wirklich bedeutet. Corona stellt unser Leben auf den Kopf. In Rekordzeit.

Ausgerechnet ein winziges Virus verändert unser Leben in einer geradezu atemberaubenden Geschwindigkeit, zwingt die Gesellschaft und unser bislang so wohlgeordnetes Leben in die Knie, legt die gesamte Weltwirtschaft regelrecht lahm.

Und auch die Möbelspedition ist betroffen. Wie könnte sie es auch nicht sein? Wir sind doch mittendrin, als Teil des Wirtschaftssystems, wir halten die Gesellschaft mobil, haben Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, und sind am Ende Menschen mit Familien, einem Lebensumfeld und mit Plänen. Da kann diese Krise gar nicht an uns vorbei gehen.

Dennoch ist ermutigend, dass sich die Möbelspedition einmal mehr als anpassungsfähige Branche beweist. Improvisation ist sowieso Tagesgeschäft, Krisenbewältigung praktisch unternehmerischer Alltag. Und die Branche steht wirtschaftlich auf soliden Füßen. Möbelspediteure sind keine Hasardeure, investieren mit Bedacht, planen langfristig. Kein Wunder, in Familienunternehmen wird in Generationen gedacht, nicht in Quartalsabschlüssen.

Und die Möbelspedition hat schon so manche Krise überstanden. Weltkriege, Weltwirtschaftskrise, Inflation und Währungsreformen, Teilung, Marktliberalisierung, technische Revolutionen mit Lastkraftwagen, Pappkartonagen und Möbelaufzügen. Und dennoch gibt es die Möbelspedition auch heute noch. Richtig ist aber auch, jede dieser Krisen hat das Gesicht der Branche verändert. Und das wird, da sollten wir uns keiner Illusion hingeben, auch dieses Mal so sein.

Der Wandel hat übrigens bereits begonnen, schon vor Corona. Jetzt aber wurde ohne unser Zutun der Turbo gezündet. Die Digitalisierung findet auch in der Möbelspedition statt. Prozesse, die vor kurzem noch für viele undenkbar waren, werden in rasanter Geschwindigkeit zu alltäglichen Werkzeugen. Das begann mit Angebotsanfragen über das Internet. Heute stehen wir bei digitaler Besichtigung und internetgestützter Auftragsbuchung nach webbasierter Angebotskalkulation. Besprechungen finden per Videokonferenzen statt, Angebotssysteme sind integriert, Inventarverzeichnisse werden beim Packen erstellt und können unmittelbar übermittelt werden, die Fahrzeuge werden optimiert geroutet, die Möglichkeiten werden immer mehr.

Und genauso entscheidend: der Markt verändert sein Gesicht. Die deutsche Möbelindustrie wird durch Corona ebenso verändert wie der Möbelhandel, dessen Geschäft sich immer stärker in Richtung Internethandel verschiebt, Konzerne werden Mitarbeiter künftig anders einsetzen, damit wird sich Wohnmobilität verändern, aber auch die Arbeitsplätze in den Unternehmen. Auch wenn das Recht auf Home Office nicht gesetzlich verankert werden sollte, werden doch viele Arbeitnehmer künftig anders arbeiten.

Was heißt das für uns als Branche? Wir müssen uns heute auf die Anforderungen und Ansprüche von morgen in unserem Markt vorbereiten. Wir müssen flexibel neue Geschäftsfelder anschließen. Warum nicht Büros nach neuen Standards umbauen? Das Home Office für Mitarbeiter anderer Unternehmen nach Arbeitsschutzstandards einrichten und gleich abnehmen? Warum nicht flexibel Arbeits- und Konferenzinfrastrukturen für Unternehmen bereitstellen? Sie, die Unternehmer, sind mit Ihrer wachen Kreativität gefragt, Lösungen für die Probleme Dritter anzubieten. Improvisation ist die Stärke und das Tagesgeschäft der Möbelspedition!

Dabei wird es zukünftig noch stärker auf gutes Personal ankommen. Der beste Chef kann nicht alles selbst. Wer vor der Krise gutes Personal hatte, im kaufmännischen Bereich ebenso wie im gewerblichen, hat bereits zu Beginn der Krise reagiert, mit kaufmännischen Maßnahmen zur Liquiditätsscherung, mit der Sicherstellung der Arbeitsfähigkeit. Und mit der Entwicklung neuer Dienstleistungen, mit der Verbesserung von Prozessen, mit gezielter Kundenansprache.

Intelligente, kreative Köpfe sind nach der Krise wichtiger denn je. Die sind gelegentlich auch unbequem, stellen althergebrachtes in Frage, wollen Dinge verändern. Genau das wird aber dringend nötig sein. Denken Sie deswegen daran, auch jetzt wieder auszubilden. Kaufmännische Mitarbeiter ebenso wie gewerbliche. Das neue Ausbildungsjahr steht vor der Tür. Viele Jugendliche wissen nicht, was aus ihnen wird. Das ist für das Gewerbe eine Chance.

Jetzt, wo doch sowieso alles schwierig ist? Gerade jetzt! Und jetzt ist auch die Zeit, die eigenen Mitarbeiter weiter zu qualifizieren! Auch wenn es mühsam ist, die gesamte Truppe zu motivieren. Und auch wenn es Geld kostet. Die Investition von heute in das „human capital“ unserer Branche ist der Umsatz von morgen. Diese Zukunft müssen wir heute in den Blick nehmen!

Und die Zukunft ist das, was zählt!
Unternehmen wir was!

Ihr
Dierk Hochgesang

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